Sonntag 15.09.2019

Dieser Tag führt uns im übertragenen Sinne an das Ende der Kairoer Gesellschaft. Wir besuchen eines der Müllviertel der Stadt (Mukatam). Zunächst besichtigen wir aber zwei Kirchen dieses koptischen christlichen Viertels der Stadt. Die kleinere der beiden Kirchen wird noch für Veranstaltungen wie Konzerte benutzt. Man hat sie in eine große, von Schutt und Steinen in langwieriger Arbeit befreiten Höhle gebaut. Wunderbare Malereien, Skulpturen und Schriften biblischen Ursprungs an den Wänden zeugen vom tief verwurzelten Glauben der Menschen hier. Es scheint, als ob erst die materielle Armut die Menschen wieder zu Gott und damit zur Hoffnung führt.

Die andere noch imposanter, tief in eine gewaltige Felswand gebaut und daher Felsenkirche genannt, soll angeblich bis zu 20.000 Menschen fassen.

Überall fallen wir auf. Verirren sich doch nur wenige Touristen hierher. Unzählige Kinder und auch deren Eltern wollen sich mit uns an dem Picknickplatz vor der Kirche fotografieren lassen. Voller Freude schütteln sie uns die Hände, so als ob sie sich über unsere bloße Anwesenheit freuen würden.
In der Tat ist es so, wie wir auf dem weiteren Weg in das eigentliche Viertel feststellen.

Die Umgebung ändert sich schlagartig nachdem wir das Tor zum Viertel passieren. Eine andere Welt offenbart sich uns.

Müll. Überall. Die Menschen leben im Müll und sie arbeiten damit. Sie wachsen damit auf, leben hier und sterben auch hier. Der Moloch Kairo produziert Müll und entlädt einen Teil davon hier. Auf den Straßen und in den Häusern der Bewohner wird er begutachtet, sortiert und seiner Weiterverwendung zugeführt. Unbeschreibliches offenbart sich unseren Augen. Umgekehrt hat man den Eindruck als ob wir die eigentlichen Fremdkörper wären. Der Müll ist für die Menschen selbstverständlich. Wir jedoch nicht. Mit großen Augen betrachtet man uns. Keine Spur jedoch von Groll wie man meinen könnte. Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber begegnet uns.

Nicht nur einmal nehmen wir am Alltag der Menschen Teil und werden eingeladen mitzuhelfen oder den einen oder anderen sehr einfachen Laden zu betreten, die es hier wie in jeder anderen Stadt auch gibt, um mit den Menschen über Sprachbarrieren hinweg zu reden.

Die Gesellschaft hält sich hier den Spiegel vor. Was woanders achtlos weggeworfen wird, wird hier wahrlich zum kostbaren Rohstoff. Was der eine Teil nicht mehr will, benötigt der andere um zu überleben. Ein des Menschen unwürdiger Kreislauf wird hier zum wesentlichen Teil des Lebens. Vor jedem und in jedem Hause lagern Müllberge die der Sortierung harren. Trotzdem oder gerade deshalb sind die Straßen relativ sauber.

Alte und Junge, Männer, Frauen, Kinder. Jeder hilft mit. Muss mitarbeiten um sich seinen minimalen Lebensunterhalt zu sichern. Keine staatliche Hilfe, kein Schutz vor Krankheit, keine Touristen die Almosen geben könnten. Keine Hoffnung auf Veränderung. Nur sehr wenige Menschen hier besitzen einen Ausweis oder andere legitimierende Papiere. Umso mehr freut man sich, Menschen zu treffen, die sie nicht verachten sondern Ihnen die Hand schütteln und Ihnen Gefühle der Verbundenheit entgegenbringen. 

Der tiefe Glaube schweißt die Menschen zusammen und lässt uns hier am Boden der Gesellschaft bewusst werden, was es heißt frei in Wohlstand und Sicherheit leben zu dürfen.
Nachdenklich und sehr berührt verlassen wir das Viertel, nicht ohne uns von den Menschen liebevoll zu verabschieden. Unsere Pension betreten wir am Nachmittag mit gemischten Gefühlen. Jeder geht dem Erlebten mit seinen Gedanken nach. Wo und wie könnte man hier helfen? Kann man überhaupt helfen? Was würde mit den Menschen passieren wenn es den Müll nicht gäbe? Fragen über Fragen beschäftigen uns. Der Abend endet mit einem Abendessen zu dem wir unseren langjährigen Reisebegleiter Prof. Dr. Achmed Osman einladen, der sich freut, uns einmal wieder zu sehen. Er ist Experte auf dem Gebiet ägyptischer Archäologie und ist uns als kompetenter Begleiter auf unseren Reisen nach Ägypten zum Freund geworden. Da sich ein für morgen anberaumter Termin mit den ‘‘Cycling Geckos‘‘, einer Gruppe sozial sehr engagierter junger Ägypterinnen verschiebt, stellt er sich spontan als Führer für einen Besuch bei den Pyramiden zur Verfügung.

Text: Hans-Peter Hawle, Fotos: Tobias Haas, Marcus Maier