Indien 2017

Indien ist flächenmäßig sehr groß. Groß sind auch die Unterschiede. Arm und reich liegen so eng beisammen wie wohl in kaum einem anderen Land. Freunde von uns konnten sich vor Ort davon überzeugen.

Mamallapuram, ein Städtchen in Tamil Nadu, Südindien

Der Weg führt zu einem der vielen Kinderheime dort. Eine Schule für geistig oder auch körperlich behinderte Kinder ist angeschlossen. Man kommt mit dem Leiter ins Gespräch und kann die Armut, die hier alles umgibt körperlich spüren.

Überall Kinder, die aus Verzweiflung der Eltern abgegeben werden, weil man sie nicht ernähren kann. Kinder, die behindert sind und deren Eltern mit der Betreuung überfordert sind. Kinder von Prostituierten. Kinder, die keiner will.

Man entschliesst sich, spontan zu helfen. Kleider werden angeschafft. Und Lebensmittel.

Welch Freude es ist, die Kinder zu sehen, wie sie sich sattessen und kaum glauben können wie ihnen geschieht.

Noch lange danach dankt man uns für die Hilfe, die geboten werden konnte. Für die behinderten Kinder z.B. konnten im Nachgang noch viele für Therapien nützliche Dinge angeschafft werden. Dinge, die sich das Heim nie leisten könnte.

Der Weg führt weiter

..zu einer größeren Schule unweit des Heim, der es im Vergleich zu anderen Institutionen verhältnismäßig gut geht. Der Leiter beklagt sich nicht, doch es stellt sich heraus, dass es auch hier an Vielem fehlt. Wohl hat man zwar einen kleinen Computerraum, der jedoch nur sehr mager ausgestattet ist. Nötig ist er aber, um den heranwachsenden Schülern die Möglichkeit zu bieten, moderne Lernmethoden kennen zu lernen und sich im Umgang mit Internet und PC zu üben. Ohne Bildung hat auch hier niemand Chancen, im späteren Leben auf eigenen Beinen stehen zu können.

Auch hier entschliesst man sich zu helfen, indem der Kauf von Computern unterstützt wird.

Eine kurze Zeit später kann man stolz einen gut ausgestatteten Computerraum vorweisen und die intensiven Kontakte zu der Schule nutzen, um noch mehrere Male zurückzukehren. Ziel ist, mehr über die Menschen und deren Lebensumstände zu erfahren um gezielt und vor allem direkt Hilfe anbieten zu können wo sie im Gespräch auf gleicher Augenhöhe mit den Betroffenen sinnvoll erscheint.

Vieles bewegen wir dadurch und Vieles hat sich seit der Zeit getan. Unser gemeinnütziger, eingetragener Verein ist mittlerweile gegründet und das Spendenaufkommen hat sich erhöht. Schon reden wir über mögliche Patenschaften und erörtern weitere Hilfsprojekte.

Immer weiter

Als wir 2017 ein weiteres Mal Mamallapuram besuchen, knüpfen wir Kontakte zu einer weit außerhalb gelegenen Schule. Es ist eine besondere Schule, auch deshalb, weil hier keine Touristen herkommen, die den Bedürftigen ein paar Rupien bereitwillig geben könnten.
Hier in dieser Schule bemüht man sich, auch den Kindern der Dahlits, den kastenlosen Indern, eine schulische Ausbildung zukommen zu lassen. Wer in Indien keiner Kaste angehört existiert im Prinzip nicht. Obwohl es Gesetze gibt, die das Kastensystem offiziell verbieten hält die überkommene Tradition (speziell auf dem Land) die Menschen nach wie vor in eisernem Griff gefangen. Dazu kommt erschwerend, dass, wie immer in armen Ländern, die Eltern vom langfristigen Nutzen einer Schulbildung ihrer Kinder erst überzeugt werden müssen. Die kurzfristigen Bedürfnisse u.a. nach Nahrung für die Familie wiegen oft schwerer als ein möglicher Schulabschluss.

Es gibt viel zu tun.

Die Schulleitung organisiert anlässlich unseres Besuches spontan eine tänzerische Darbietung der Kinder. Voller Stolz zeigen sie ihr Können in indischer Tradition. Auch die Kleinsten hüpfen, teils noch unbeholfen, vor uns auf uns ab und rühren uns zu Tränen angesichts der Umstände unter denen sie aufwachsen müssen.

Doch was uns in Indien immer wieder positiv auffällt ist die geradezu unheimliche Wissbegierde der Schüler. Wer es geschafft hat, sich im Schulsystem zu etablieren, Junge wie Mädchen, ist bereit, hart an sich zu arbeiten, um möglichst viel der Bildung ins spätere Leben mitzunehmen. Beschämt denke ich an meine eigene unbeschwerte Kindheit zurück und den oft fehlenden Eifer, das Gebotene dankbar anzunehmen.

Strahlende Kinderaugen, glückliche Lehrer und das Gefühl, die Welt wieder ein bisschen besser gemacht zu haben, lassen uns einen Tag später wieder die Reise in unsere Heimat, in eine völlig andere Welt, antreten.

Haben wir tatsächlich genug getan? Die Frage bleibt offen.

Im Jetzt

Als unser Ehrenvorsitzender Werner Anfang 2018 das Städtchen nochmals besucht fällt ihm an der Straße, die durch den Ort führt eines der kleinen Lädchen auf, die es in Indien zu Hauf gibt. Der Besitzer, seine Frau und die beiden kleinen Kinder leben vom mageren Ertrag des Geschäfts. An den einfachen Waren und Süßigkeiten, die er einkaufen muss, kann nicht viel verdient sein. Neben dem Kiosk befindet sich ein Bereich in dem zunächst eine Art Lagerraum vermutet wird. Zu Werners Entsetzen stellt er jedoch fest, dass es sich hierbei um die Wohnung der Vier handelt. Erbärmliche Zustände offenbaren sich. Doch was kann man schon tun?

Es zeigt sich, wie so oft auf unseren Reisen, wiederholt, dass es nicht nur um das reine Übergeben von Geld oder Sachspenden gehen kann oder darf. Nur wer es wagt, sich ein Herz fasst und sich auf die Situation mit den Menschen einlässt erfährt die ganze Wahrheit der Nächstenliebe. Ein Geben und Nehmen unter Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensrichtungen erhebt uns, keine Überheblichkeit auf der einen, oder Unterwürfigkeit auf der anderen Seite erhöht oder erniedrigt uns.

Der Kioskbesitzer, seine Frau und seine Kinder erfreuen sich einfach daran, einmal im Leben richtig wahrgenommen, verstanden und geachtet zu werden.

Wer kann schon erahnen, was sich dadurch in den Menschen mittlerweile schon bewegt hat oder noch bewegen wird. Selig ist wer glaubt, ohne zu sehen.